Von der Aktualität der Aufklärung im 21. Jahrhundert

Veröffentlicht auf von SchliLoup

Die Welt ist – wieder einmal – mitten in einem gewaltigen Veränderungsprozess. Alle denkbaren Bereiche – Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Natur, Verhaltensweisen etc. – sind in einer Vielfalt „betroffen“, wie es äußerst selten ist. Mitten in diesem Umbruch einzelne Entwicklungen, ihre Bedeutungen und Tragweiten zu erkennen und zu beurteilen, ist schwer. Vieles ergibt sich erst im Nachhinein und zeigt sich erst dann als schlüssig und als großes Puzzle, dessen Stücke sich nach und nach zusammensetzen. Es ist schwer zu unterscheiden, was welche Entwicklung bedingt, was zusammenhängt und was unabhängig voneinander geschieht. Eine adäquate Prognose maße ich mir hiermit nicht an, dies ist ein Versuch und somit eine persönliche Einschätzung unserer Zeit, ihrer Veränderungen und ihren möglichen Folgen.

 

Wir stecken in einer Zeit und inmitten von Umbrüchen und vor Herausforderungen, die mit der Zeit des 18. Jahrhunderts, in der die Aufklärung ihren Höhepunkt erreichte, in der die industrielle Revolution in England begann und die Französische Revolution ihren Ausgang nahm, in gewissen Zügen vergleichbar ist. Es sind  unverkennbare Parallelen zu entdecken, jedoch ebenso entscheidende Unterschiede. Gewaltige Umwälzungen waren damals am Werke und sind es heute, aus meiner Sicht, auch. Doch der springende Punkt unserer heutigen Veränderungen ist, dass sie so global sind wie nie zuvor. Es sind nicht nur Europa und Amerika betroffen, sondern die ganze Weltgemeinschaft. Das macht die heutigen Anforderungen vielleicht noch etwas komplexer, als es jemals zuvor der Fall war.

Um dieses ganze – recht komplexe – Vorhaben strukturiert anzugehen, möchte ich die damaligen Umwälzungen kurz skizzieren, um anschließend bei der Analyse unserer heutigen Veränderungen Gemeinsamkeiten, Ähnlichkeiten der benötigten Voraussetzungen, aber auch Unterschiede aufzeigen zu können. Über die langfristigen Folgen der heutigen Veränderungen kann ich natürlich nur spekulieren, versuche mich aber auch dabei an historische Beispiele und – im Besonderen natürlich – an die gewählte Zeit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts zu halten. Durch diese Betrachtung gelingt es mir hoffentlich auch, Anhaltspunkte für Standpunkte und Sichtweisen auf unsere heutige Zeit und die zu erwartenden Entwicklungen zu gewinnen. Der langfriste Ausgang vorheriger „Revolutionen“ und Veränderungen stimmt mich optimistisch, dass Fatalismus unangebracht ist, dagegen Offenheit und  Neugierde für sowie aktive Einflussnahme auf die gegenwärtigen Prozesse hilfreich ist.

 

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit…“ Dieser markante Merkspruch Kants formuliert in einer knappen und präzisen Art das Banner der Aufklärung, die prägende geistige Bewegung des 18.Jahrhunderts. Doch es sollte nicht bei bloßen Ideen bleiben. Die Denkschriften verbreiteten sich durch verbesserte Publikationsmöglichkeiten über ganz Europa und schufen „aufgeklärte“ Gesellschaftsschichten, von denen der Wind des Wandels später ausgehen sollte. Ideen von „Aufklärern“ wie Kant, Voltaire, Rousseau oder Hume, aber auch von Locke und Montesquieu fanden ihre Umsetzung auf verschiedenste Art und Weise in den einzelnen Umwälzungen der damaligen Zeit. Sie bildeten das geistige (vorbereitende und begleitende) Gerüst für die historischen Veränderungen der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, die noch kommen sollten.

In den 1770er und 1780er Jahren waren der französische Hof und König Ludwig XVI. in eine missliche Lage geraten: Das Staatsdefizit war durch Beteiligung am österreichischen Erbfolgekrieg, durch Teilnahme am 3. Schlesischen Krieg/ 7-jährigen Krieg von 1756-1763 und Involvierung im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg enorm gewachsen, und durch voreilige Wiedereinberufung der Parlamente 1774 verbaute er seinem Finanzminister die Möglichkeit, das Steuersystem auszuweiten und vor allem gerechter zu gestalten. In der 2. Hälfte der 80er Jahre drohte der Staatsbankkrott, ein Hochwasser und schlechte Ernten trieben auch noch die Nahrungsmittelpreise in die Höhe. Der Adel genoss weiterhin seine Privilegien, leistete aber keinen adäquaten Dienst an die gesamte Gesellschaft. Noch hielt sich das System, aber erste Risse zeigten sich. Für 1789 wurden die Generalstände einberufen, die Stimmenanzahl für den 3. Stand mit denen für Adel und Klerus später gleichgesetzt. Die Generalstände erklärten sich – grob gesagt – zur konstituierenden Nationalversammlung. Die Revolution nahm ihren Lauf. Es folgte die Schreckensherrschaft Robespierres, die Zeit Napoleons und durch ihn die Ausbreitung des Kriegszustands auf große Teile Europas, was schließlich im Wiener Kongress mündete. Auch die Karlsbader Beschlüsse, die Restauration, die Julirevolution 1830 in Frankreich, das Hambacher Fest und schließlich Vormärz und die Märzrevolution 1848 können als Nachbeben des „historischen Erdbeben“ des 18. Jahrhunderts gesehen werden. Ausgelöst eben durch Hunger, Ungleichheit und finanzielle Überlastung des Hofes wurden in Frankreich zu Ende des 18. Jahrhunderts wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Verkrustungen von ihren Fesseln befreit. Pandoras Box war geöffnet, der Wandel würde vorübergehend allerdings auch hässliche Fratzen annehmen. Der Gedanke war in der Welt – Egalité, Fraternité et Liberté – und ist seitdem geblieben. Nicht ist schließlich resistenter als eine einfache Idee, als ein einfacher Gedanke!

Dem ganzen vorausgegangen – und intensiv von Europa beobachtet – war jedoch der Kampf für Unabhängigkeit auf der anderen Seite des Atlantiks. Im 18. Jahrhundert war die Besiedlung Amerikas weiter fortgeschritten. Sie fand nicht im Staatsauftrag statt, vielmehr „flohen“ die Menschen vor Restriktionen aus ihrer Heimat England. Im neuen „gelobten“ Land suchten sie ihre Freiheit, ihrem Heimatland wurde sie allerdings mit der Zeit zu groß. England versuchte seinen Einfluss auf die Kolonien in Amerika auszuweiten und diese nach Auseinandersetzungen mit Frankreich auf amerikanischem Boden an den Kosten – in Form von Steuern und Abgaben – zu beteiligen. Diese Vorhaben stießen auf erbitterten Widerstand bei den Bewohnern der amerikanischen Staaten und gipfelte vorläufig in die Erhebung im Rahmen der „Boston Tea Party“ 1773. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 1776 und der Unabhängigkeitskrieg gegen England mit Unterstützung durch Frankreich und Spanien folgten. England unterlag 1781, die Konföderation hatte sich durchgesetzt. Nach Wegfall des gemeinsamen Gegners mussten sich die Einzelstaaten neue Gemeinsamkeiten suchen und sich eine Verfassung geben. Mit Wissen über Missstände in Europäischen Staaten begaben sich u.a. Thomas Jefferson und John Adams an die Herausarbeitung einer solcher, die schließlich 1787 Verabschiedet wurde. Sie zeichnete das System von gegenseitiger Machtbalance und Kontrolle aus, aber auch der Aufnahme eines Menschenrechtskatalogs. Auch wenn dieser nicht sofort auf alle Staatsbewohner angewandt wurde, sollte er als Korrektiv für zukünftige Adaptionen noch tätig werden! George Washington wurde erster Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, aus einem Staatenbund war ein Bundesstaat geworden.

Ein besseres Wegenetz, ein breites Kanalnetz, die Gewerbefreiheit und die Erfindung des mechanischen Webstuhls sowie später der Dampfmaschine hatten in England die Voraussetzungen für die größte Revolution unserer Wirtschaftsweise seit der neolithischen Revolution geschaffen (dem Übergang, der Seßhaftwerdung  von Jäger-  und Sammlergesellschaften zum landwirtschaftlichen Flächennutzung): Die industrielle Revolution! Die Agrarwirtschaft war effizienter geworden, die Bevölkerung Englands rasant gewachsen, somit die Arbeitskräfte für (Maschinen-) Fabriken zahlreich vorhanden und die Verfassung des Landes und seiner Einwohner war der vor ihr liegenden Veränderung positiv gesinnt. Die Zeitrechnung des Kapitals hatte ihren Anfang genommen und zog die Massen in die Städte. Auch diese industrielle Revolution zeigte kurz- bis mittelfristig ihre hässlichen Seiten in Form von Massenelend in den Städten. Doch wie dieses Elend bei gleichem Bevölkerungswachstum ohne industrielle Revolution ausgesehen hätte, ist schwer vorzustellen.

 

Alle dieser drei Entwicklungen haben zahlreiche Gemeinsamkeiten: Sie fordern geistige Unabhängigkeit und Kreativität ihrer führenden Agitatoren, stellten für die Gesamtgesellschaft langfristig einen Aufstieg dar, führten zur Beseitigung alter und überkommener Barrieren und Restriktionen. Zusammen haben sie außerdem der Weltgemeinschaft auf Dauer ein anderes, neues Antlitz verschafft und die Gewichte in der Weltgemeinschaft kurz-, mittel- und langfristig verschoben. Indem sie die Durchlässigkeit der Gesellschaft und die Chance auf Teilhabe an der Gesellschaft erhöhten, stellen sie langfristig einen großen Schritt zur Freiheit dar. Doch um den langfristigen Erfolg sicherzustellen bedurfte es unmittelbar nach Ausgang der Revolutionen Anstrengungen, um die Entwicklungstäler durchschreiten und sich weiterentwickeln zu können. Linear waren diese Entwicklungen mitnichten! Sie betrafen alle Lebensbereiche und sollten für kommende Entwicklungen, Veränderungen und Revolutionen die Vorlage/ ein Exempel darstellen und tun dies auch heute noch. „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Die Menschen fingen an, sich von vorgegebenen Denkmustern durch Autoritäten, vor allem des Staates und der Kirche, zu lösen. Ein Licht war mit der Aufklärung aufgegangen, auch in der Dunkelheit sollte es nicht verblassen!

 

Ist die Aufklärung heute also abgeschlossen? „Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Mitnichten! Zwar haben wir in einem großen Umfang wie nie gegen „den Mangel des Verstandes“ agiert, doch darüber haben wir die Ermutigung zum gesunden Gebrauch des eigenen Verstands vergessen! In vielen Fällen haben wir den Gebrauch des eigenen Verstandes in öffentlichen Dingen an Politik und Medien outgesourced, unsere heutigen Themen, Herausforderungen und Vorgänge erfordern aber eine Vielfalt an Ideen, die unserer aller Teilnahme benötigen. Was sind also unsere heutigen großen Themen, in welchem Wandel stecken wir?

 

Hungerkrisen, Klimawandel, globale Erwärmung und Naturkatastrophen wie das Erdbeben in Japan mit möglichem Super-GAU als Folge legen nahe: die Erde hat seine Kapazitätsgrenze erreicht, das Wachstum und Angebot an Nahrungsmitteln, Strom und Energie kann nicht (zumindest nicht auf nachhaltige Weise) mit dem Wachstum der Nachfrage nach ebendiesen mithalten. In einer ähnlichen Situation wähnten wir uns auch vor der industriellen Revolution, das Problem schien unausweichlich. Robert Malthus sagte daher voraus, dass das Wachstum der landwirtschaftlichen Flächen nicht mit dem exponentiellen Bevölkerungswachstum mithalten könne und die natürliche Grenze der Population somit bald erreicht sei. Aus heutiger Sicht erscheint diese Schlussfolgerung vielen als lächerlich, aus damaliger Sicht mit ungewisser Zukunft war sie aber äußerst plausibel. Und genauso plausibel und angebracht sind auch die Szenarien, die uns, das Nahrungs- und Energieangebot heute vor unlösbaren Aufgaben wähnen. Ganz ähnlich wie damals in den aufstrebenden Volkswirtschaften sorgt dieses Mal der Aufstieg der Schwellenländer mit ihren zunehmenden Bevölkerungen für zusätzliche Herausforderungen. Die Geschichte sollte uns jedoch lehren, dass Entwicklungen und Fortschritt beinahe unmöglich vorherzusagen und vorwegzunehmen sind. Die Möglichkeit, dass wir auch dieses Mal eine Lösung finden werden, besteht. Wir brauchen allerdings eine Revolution in landwirtschaftlicher Produktion, der Verteilung von Nahrungsmitteln und der Nachfrage bzw. dem Umgang mit ihnen. Das Gleiche gilt für Energie und Strom. Wir müssen unseren Strombezug revolutionieren, das hat auch Fukushima in Erinnerung gerufen, unseren Energie- und Strombedarf überdenken und neugestalten. Beides Mal müssen wir Angebot, Vertrieb und Nachfrage bedenken. Dabei müssen wir ein schlüssiges Gesamtkonzept aufstellen, das Energie- und Nahrungsmittelbedarf berücksichtigt, anstatt wie momentan ohne Bedenken der Auswirkungen auf mögliche Nahrungsmittelknappheit landwirtschaftliche Flächen zur Produktion von natürlichen Treibstoffen umzufunktionieren. Wir müssen verhindern, dass fossile Quellen zu schnell aufgebraucht werden und müssen unsere Wirtschaft daher auf mehrere Säulen verteilen. Dafür sind ganzheitliche Lösungen und Querdenker, die den Widerstand konservativer und reaktionärer Kräfte nicht fürchten, gefordert! Wie in der industriellen Revolution geschehen, benötigen wir auch dieses Mal eine Revolution unserer Wirtschaftsweise, dieses Mal in Richtung Nachhaltigkeit! Die Zukunft wird zeigen, ob die erneute Befürchtung eines Wachstumsendes oder die Hoffnung auf Lösungen als lächerlich angesehen werden.

 

Themen wie Hungerkrisen und Klimawandel wurden nun einige Zeit von der Finanzkrise überlagert. Befürchteter Klimawandel, der sich wie oben genannt in der Umfunktionierung von landwirtschaftlichen Flächen zu Treibstofflieferanten äußert und Auswirkungen der Finanzkrise – verstärktes Drucken von Dollarnoten durch die FED, (auch dadurch) zunehmende Spekulation auf Rohstoffe und Nahrungsmittel – haben in dieser Kombination zu steigenden Lebensmittelpreisen geführt. Besonders traf und trifft dies die Bürger von Schwellen- und Entwicklungsländern, in denen die Menschen oft mehr als 50% des Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben. So auch die nordafrikanischen. Dass die Kombination von steigenden Preisen, fehlender Teilhabemöglichkeiten an Politik, fehlende Aufstiegsmöglichkeiten und ein Missverhältnis von Privilegien und Leistung in Form von massiver Unzufriedenheit eine explosive Mischung ist, zeigt das Beispiel der französischen Revolution. Inflation und Hunger vertragen sich nicht gut! Geschichte wiederholt sich in gewissen Maßen: Tunesier, Ägypter und Libyer lehnen sich gegen ihre korrupten Herrscher auf. Bis jetzt haben Tunesier und Ägypter ihre Staatschefs aus dem Amt gejagt, Gaddafi ist an einem kritischen Punkt angelangt. Ein großes Hilfsmittel ist ihnen dabei das Internet – in Form von Twitter und Facebook -, das ihnen dabei hilft, sich untereinander und mit der Welt zu vernetzen, sich zu verabreden, Informationen schnell und unzensiert zu verbreiten. Auch Ahmadinedschad musste dies letztes Jahr erfahren, auch wenn er sich nochmal halten konnte. Als glühendes Beispiel dient den Aufständigen in der arabischen Welt – trotz aller Makel und Missstände – die alte Welt, das Europa der französischen Revolution, der Industrialisierung, des Vormärzes und den Lehren aus den beiden Weltkriegen. Insofern kommt unserer Offenheit, Unterstützung und Weitergabe von Erfahrungen eine Schlüsselrolle in der friedlichen Wandlung dieser Staaten zu! Die Gedanken der Aufklärung sind lebendig! Das heißt aber auch, dass wir wieder stärker zu einer unserer Stärken kommen müssen: Der kritischen Selbstreflexion! So kann es sein, dass wir den freiheitlichen Kräften in den sich verändernden Staaten nicht nur bei ihrer Entwicklung helfen (ähnlich wie Frankreich damals die nach Unabhängigkeit strebenden Kräfte in Amerika unterstützte, auch wenn aus anderen Gründen), sondern diese auch uns verändern und voranbringen (so wie der Erfolg der Unabhängigkeitsbestrebung der amerikanischen Einzelstaaten eine Triebfeder für die Französische Revolution war)! 

Dass in China ein ähnlicher explosiver Mix von Inflation, unerschwinglichen Häuserpreisen, geringen Möglichkeiten zur Teilhabe und fehlende Aussichten für einen großen Teil der Bevölkerung (vor allem für die Wanderarbeiter) vorherrscht, wissen die Machthaber in Peking am besten! Das Regieren Chinas gehört zu den komplexesten Aufgaben unserer Zeit. Bis jetzt haben es die machthabenden Chinesen gut gewusst, strategisch Vor- und Nachteile ihrer Möglichkeiten abzuwägen und nach den gewonnenen Erkenntnissen auch zu handeln. Dort ist weitaus weniger Ideologie am Werke, als in westlichen Medien oft dargestellt. Machtorientierter Pragmatismus kommt den Ideen Machiavellis Machtpolitik so nahe wie wohl selten in der Geschichte zuvor. Es bleibt abzuwarten wie die Chinesen die momentanen Herausforderungen meistern und welche Veränderungen der anstehende Führungswechsel mit sich bringt. Die Kombination der Probleme scheint allerdings unmöglich auf einmal zu bewältigen, die Erwartung eines plötzlichen Freiheitsschubs ist jedoch illusorisch und wäre tödlich für die Volksrepublik. Dem Trend zur Freiheit wird sich langfristig aber auch die chinesische Führung nicht verschließen können. Einen weiteren Schritt hat sie letztens – wahrscheinlich nach sorgfältiger Abwägung von Vor- und Nachteilen – in diese Richtung getan, chinesische Firmen dürfen ihre Geschäfte in Yuan abwickeln. Dieser Schritt wird nicht zurückzunehmen sein und stellt mittelfristig nicht weniger als eine Revolution des globalen Währungssystems dar. Der Yuan wird langsam aufwerten, Importe nach China vergünstigen, Exporte verteuern. Die Chinesen werden einen Übergang zu mehr Qualität versuchen und begleiten diesen Schritt zur Liberalisierung des Yuans – noch ist er nicht frei handelbar – mit aktiven Anwerbeversuchen von Schwellenländern zum Kauf des Yuans als Reservewährung.

Auch wenn die USA eine Aufwertung des Yuan seit langem fordern, jubeln können sie über diesen Schritt keinesfalls. Mittelfristig wird sich vermutlich ein Währungssystem mit den Leitwährungen Dollar, Euro und Yuan ergeben. Der Dollar verlöre somit seine Alleinstellung als Leit- und Reservewährung. Die Möglichkeit der exzessiven Ausdehnung der Geldmenge ohne erhöhten Risikoaufschlag durch die Investoren entfiele dadurch und würde zu erhöhten Zinsen für die Staatsschulden führen. Was ein Aufschlag von lediglich 0,25% bei einem Schuldenberg von knapp 14 Billionen Dollar pro Jahr an Zusatzaufwand bedeuten würde, lässt sich kaum vorstellen. Eine Abwertung des Dollars, die vorprogrammiert scheint, würde zwar die Schuldenrückzahlung vergünstigen, ließe das Vertrauen in den Dollar und die Bereitschaft von Ländern sinken, ihn als Reservewährung zu nutzen. Dies hätte einen Macht- und Einflussverlust der USA zufolge, der größer ausfiele, als ohnehin durch die Prozesse der Globalisierung. In Bezug auf die Staatsfinanzen stecken die USA in einer ähnlichen Lage wie vor knapp 250 Jahren Frankreich: Kriege in Afghanistan, Irak und jetzt auch der Einsatz in Libyen bringen massive Kosten mit sich und reißen eine große Lücke in den Staatshaushalt. Zwar sind die Ungleichheiten in der Gesellschaft nicht so groß wie damals in Frankreich, Probleme gibt es aber dennoch: Ähnlich wie die damalige Diskrepanz zwischen Privilegien und Beitrag des Adels zur Gesellschaft stößt die Arroganz der Finanzwelt viele Amerikaner sauer auf, eine zuverlässige, umfassende Krankenversicherung befindet sich noch auf dem Stolperpfad, der Immobilienmarkt liegt weiter brach, eine Großteil der Immigranten sind nach ihrer Einwanderung desillusioniert und unzufrieden. Dass die USA kurz vor einer Defizitkrise stehen und mit maroden Kommunen und Bundesstaaten erhebliche Risiken sie belasten, könnte, wenn die  Finanzmärkte sich etwas von Europa abwenden und den USA zuwenden, sehr große Probleme mit sich führen! 2 führende Rentenfonds-Manager investieren schon nicht mehr in Dollar-Bonds, eine drohende Handlungsunfähigkeit des Präsidenten ist – bei bald erreichter Schuldenobergrenze von 14 Billionen Dollar – nicht so abstrakt wie gewünscht. Die Lichter könnten in den Verwaltungen wieder einmal ausgehen, ob es diesmal so glimpflich ausgeht wie in den 90er-Jahren ist abzuwarten. Im Gegensatz zu Europa setzen die amerikanischen Tauben aber noch auf Schuldenmachen, was sich als richtig erweist, muss einmal mehr die Zukunft zeigen!

Damit wären wir wieder in dem Kontinent des Ausgangs der Aufklärung angekommen, Europa! Auch in Europa erleben wir eine Krise der Staatsfinanzen, die unglücklicherweise noch mit einer europäischen Führungskrise zusammenfällt. Beide Probleme hängen mit einer europäischen Unentschiedenheit und der mangelnden Strukturierung der Machtverhältnisse zusammen. Die EU war unfähig, die gesetzten Schuldenregeln zu entpolitisieren und damit eine effektive Schuldenüberwachung zu garantieren. Ebenso war die EU vor der Osterweiterung unfähig, sich selbst ein neues Vertragswerk zu geben, die Handlungsfähigkeit aufrechterhält und Machtbalancen sowie Zuständigkeiten regelt! Europa steht vor ähnlichen und doch ganz anderen Problemen wie die Einzelstaaten Amerikas vor ihrem Zusammenschluss zu den Vereinigten Staaten. Wie die Macht der Einzelstaaten in Amerika zu klein war, werden die einzelnen Stimmen der europäischen Einzelstaaten in der neugeordneten Weltgemeinschaft zu klein sein. Die Amerikaner schufen aus einem Staatenbund damals einen Bundesstaat, von dieser Lösung scheint die EU noch weit entfernt. Doch die „zufällige“ Integration, wie sie momentan vonstattengeht, darf so nicht weitergehen. Das Subsidiaritätsprinzip (jedes Problem wird auf der möglichst niedrigsten Stufe geregelt) sollte konsequent angewandt werden, Zuständigkeiten eindeutig geregelt werden. Dass europäische Gesetzgebung mit einzelstaatlichen Verfassungen kollidiert, ist Konsequenz der mangelnden Kompetenzregelung. Ohne eigene Finanzmittel wird die EU weiterhin ein zahmer Riese bleiben, mangelnde Repräsentation der Bürger bleibt ein großes Problem. Die EU ist von den Bürgern zu weit weg. Auch wenn jeder Staat in Europa historisch gewachsen ist, seine eigene Verfassung und Regeln und die EU als späteres gemeinsames Projekt gestartet wurde, sollten wir wie Amerika damals mit Jefferson, Adams und Franklin unsere besten Leute an eine Ausarbeitung eines europäischen Vertragswerks setzen, um ein effizientes und effektives System sinnvoller Machtteilung, -balance und –kontrolle zu entwickeln. Ein solches wird mittelfristig die Handlungsfähigkeit der EU, die Stärke des Euros und unser Gewicht in der Weltgemeinschaft stärken. Dass dabei nicht die Rede von Gleichmachung sein kann, sondern es um das Setzen von Rahmenbedingungen geht, in dem um das beste System konkurriert wird, sollte die EU und die Zusammenarbeit unter ihrem Dach beleben!

 

Wenn damals die Aufklärung der ins Wasser geworfene Stein war, der seine Kreise nach sich zog, was entspricht dem Stein heute? Einen ähnlich geistig-philosophischen Ausgang zu finden, fällt mir schwer. Für mich ist kaum eine geistig-intellektuelle Vorwegnahme und angemessene Wegbegleitung der heutigen Entwicklungen festzustellen. Das mag an der fortgeschrittenen Verweltlichung liegen, an meiner mangelnden Kenntnis, vielleicht aber auch an unserer zunehmenden Orientierungslosigkeit! Oder geht es von den 68ern aus? Ich würde eher sagen, dass der Stein der heutigen Entwicklung mit dem Zerfall der Sowjetunion und dem Ausgang der Globalisierung ins Rollen geraten ist. Mit diesen beiden zusammenhängenden Prozessen ist so viel in Bewegung gekommen, dass es sich nur schwer analysieren lässt. Unter anderem führte es aber zu einer Internationalisierung der Staatengemeinschaft und ihrer Pluralisierung, ging mit der Liberalisierung der Finanzmärkte einher, die das Ausmaß der Finanzkrise mitbeeinflusste, und förderte den Aufstieg der Schwellenländer, um nur einiges zu nennen! Doch wo befinden wir uns gerade, haben wir das Tal durchschritten, die tiefsten Tiefen hinter uns, stehen wir noch davor und ganz am Anfang der Umwälzungen? Was genau Zustand und was Entwicklung ist, lässt sich nicht immer eindeutig unterscheiden. Ich aber würde sagen, dass uns die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts aufgezeigt wurden, die Lösungen teils noch unklar und zu finden sind. Die Herausforderungen sind unmittelbar mit den Zielen verbunden, zu denen uns diese Revolution wahrscheinlich führen wird. Für mich ist dies – wie damals – der Einbezug aller Schichten und Bevölkerungsgruppen in den Einzelstaaten, dieses Mal kommt jedoch noch die Erweiterung der Staatengemeinschaft um weitere Säulen hinzu. Ein passender Name wäre aufgrund dieses Aspekts und in Anlehnung, dass diese die globalste und vernetzteste Revolution aller Zeiten ist, globale Revolution. Mit der Kenntnis allerdings, dass sie aus vielen einzelnen Verbundstücken besteht. Während für die Berücksichtigung von bisherigen Bevölkerungsgruppen schon erfolgreiche Beispiele bestehen und nur passgenau angewandt werden müssen, ist die Neuordnung und – ausrichtung der Weltgemeinschaft neu und erfordert besondere Kreativität und außergewöhnliche Intelligenz! Die globale Revolution wird mittel- bis langfristig zu einem mehr an wahrer Freiheit führen, die nicht auf Kosten anderer ausgelebt wird und nicht ausbeuterisch verstanden ist. Dies betrifft internationale, nationale und lokale Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Alle Lebensbereiche sind einmal mehr einem Wandel ausgesetzt. Das Prinzip von Leistung und Teilhabe, Handlung und Konsequenz sowie Verantwortung wird wieder stärker in den Vordergrund drängen und unsere Gemeinschaft regeln. Damit werden auch verstärkt Werte wie Glaubhaftigkeit und Nachhaltigkeit zunehmen. Wie die teilhabende Gemeinschaft auch in früheren Wendeepochen zunahm, um 1500 durch den Buchdruck und die Reformation begünstigt, im 18. Jahrhundert durch verbesserte Publikationsmöglichkeiten, verringerten Analphabetismus sowie die Erklärungen der Menschenrechte, spielt heute das Internet eine große Rolle bei der Integration aller Bevölkerungsteile und Menschenvölker auf internationaler Ebene. Richtig genutzt wird auch diese Revolution zu einem mehr an Teilhabe führen und unsere Gemeinschaft(en) stärker vernetzen!

 

Es sollte uns positiv stimmen, dass, auch wenn kurzfristig mal dunklere Zeiten anbrechen, langfristig die historischen Umwälzungen große Verbesserungen mit sich brachten und wir enorme Herausforderungen erfolgreich gemeistert haben! Die Lösung mag noch nicht bekannt sein, liegt aber möglich gar nicht so weit entfernt. Doch dazu ist eine Revitalisierung des Geistes der Aufklärung vonnöten, der jeden Bürger ermutigt, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und zur Lösung unserer Probleme beizutragen. Die geistige Freiheit und Unabhängigkeit der Menschen wird immer noch vielerorts gefürchtet und nicht gefördert. Es gibt zu viele die von geistiger Unmündigkeit profitieren, als dass sich ein Wandel von selbst ergeben würde. Wir müssen wieder verstärkt fordern: „Sapere aude! Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Immanuel Kant ergänzte noch: „Zu dieser Aufklärung wird aber nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.“


Um sich den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts stellen zu können, ist es dringend notwendig, für (falsche) Sicherheit nicht zu viel Freiheit aufzugeben! Sonst verharren wir möglicherweise an der falschen Stelle, bleiben im Tal stecken und ersticken den Entwicklungsgeist. Dies sollten uns zurückliegende Revolutionen lehren!

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