Was ist eigentlich gesunder Patriotismus?

Veröffentlicht auf von SchliLoup

Die WM 2006 tauchte Deutschland in ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer. Ein entspannterer Umgang mit der eigenen Nation zeigte sich und die Welt erfreute sich mit daran. Wenn wir heute also von gesundem Patriotismus reden, als Stichworte würden in jedem Artikel, jedem Interview eben Sportturniere wie WM 2006, WM 2010 oder der Handball WM 2007 fallen. Was genau ist daran gesunder Patriotismus? Inwiefern steckt „Vaterlandsliebe“, emotionale Verbundenheit zur eigenen Nation darin und nicht nur Identifikation mit der Mannschaft aus dem eigenen Land und der Wunsch nach Erfolgen? Kann man unserem Volk ein nationales Projekt geben und als Folge blüht „Patriotismus“ auf?

Kann es sein, dass unser Patriotismus zwar entspannter, aber nicht gesünder, sondern hüllenloser geworden ist?

Sebastian Haffner liefert in seinem Buch „Geschichte eines Deutschen – Die Erinnerungen 1914-1933“ interessante Einsichten, wie gesunder Patriotismus im Gegensatz zu deutschem Nationalismus aussehen könnte (er schreibt grade über eine mögliche Emigration): „..Das hinderte mich indessen nicht, ein ziemlich guter Deutscher zu sein, und ich wurde mir dessen oft genug bewußt – und sei es nur in der Scham über die Ausartungen des deutschen Nationalismus. Wie die meisten Angehörigen einer Nation fühlte ich mich beschämt, wenn Landsleute von mir, oder getroffen von den gelegentlichen Beleidigungen, die die Nationalisten anderer Länder zuzeiten Deutschland in Wort oder Tat zufügten; und stolz auf gelegentliches unerwartetes Lob meines Landes, und auf die schönen Züge, die die deutsche Geschichte und der deutsche Charakter hier und da aufweisen. Mit einem Wort, ich gehörte zu meinem Volk, wie man zu seiner Familie gehört: selbst mehr als andere bereit zu jeder Kritik, nicht immer auf dem freundlichsten Fuße mit allen ihren Mitgliedern, und ganz gewiß nicht gewillt, mein ganzes Leben auf sie zu stellen und ‚meine Familie über alles’ zu rufen; aber doch schließlich zugehörig, und im Ernst diese Zugehörigkeit nicht verleugnend. Diese Zugehörigkeit aufzugeben, sich ganz abzuwenden, die Heimat als Feindesland empfinden zu lernen, war in keinem Fall eine Kleinigkeit.“

Das Vaterland, eine Familie, kein Götzenbild! Es geht also um Mitfühlen, Wissen um Geschichte und Kultur, um Zugehörigkeit. Genauso geht es aber auch darum, Kritik zu üben, härter als es wohlmöglich ein Außenstehender könnte und eben nicht darum, alles gutzuheißen.

Was macht diese Verbundenheit zu Deutschland aus, was liegt in dem erwähnten „deutschen Charakter“? Auch darauf liefert Sebastian Haffner eine Antwort: „Das Deutschland, das für mich und meinesgleichen ‚unser Land’ war, war schließlich nicht einfach ein Fleck auf der Landkarte Europas. Es war ein Gebilde von bestimmten, charakteristischen Zügen: Humanität gehörte dazu, Offenheit nach allen Seiten, grüblerische Gründlichkeit des Denkens, ein Niezufriedensein mit der Welt und mit sich selbst, Mut, immer wieder zu versuchen und zu verwerfen, Selbstkritik, Wahrheitsliebe, Objektivität, Ungenügsamkeit, Unbedingtheit, Vielgestaltigkeit, eine gewisse Schwerfälligkeit, aber auch eine Lust zur freiesten Improvisation, Langsamkeit und Ernst, aber ebenso ein spielerischer Reichtum des Produzierens, der immer neue Formen aus sich herauswarf und als ungültige Versuche wieder zurückzog, Respekt für alles Eigenwillige und Eigenartige, Gutmütigkeit, Großzügigkeit, Sentimentalität, Musikalität, und vor allem eine große Freiheit: etwas Schweifendes, Unbegrenztes, Maßloses, nie sich Festlegendes, nie Resignierendes. Heimlich waren wir stolz darauf, daß unser Land, geistig, ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten sei. Aber wie auch immer, dies war das Land, dem wir uns verbunden, in dem wir uns zu Hause fühlten.“

Obwohl seit dieser Aufzählung mehr als 70 Jahre vergangen sind, finde ich seine Aufzählung doch recht zutreffend. Die geistige Freiheit müssen wir eventuell neu erlernen, um an Zeiten von Goethe oder Beethoven anknüpfen zu können, aber unsere Antriebskraft aus dem Niezufriedensein hat sich im Grunde nicht verändert. Grade also diese nicht ganz so offensichtlichen Eigenschaften machen nach Haffner Patriotismus aus, sodass er schlussfolgert: „Dem Deutschen, der sich diesem Deutschland verbunden fühlte – und nicht jedem Gebilde, daß sich auf einem bestimmten geographischen Raum jeweils gerade breitmachen würde – blieb wiederum nichts als Abschied.“

Aus patriotischen Gründen schafft er es, Emigration zu begründen. Ihm geht es nicht um die Hülle beim Patriotismus, das Vordergründige und die Geographie, sondern um den Inhalt, der diese Hülle mit Leben füllt. Doch sich dieses Inhalts bewusst zu sein, muss gelernt sein und auch wir müssen dies unserem Nachwuchs, unserer Bevölkerung vermitteln. Wer sich dessen bewusst ist – wie Herr Haffner – ist weniger anfällig, für vordergründig nationale Projekte, für nationale Egoismen. Er weiß um die Eigenarten seines eigenen Volkes und kann dafür auch die Eigenarten eines Anderen sehr gut verstehen. Er wird offen für die Welt und findet sich in der globalen Vielfalt besser zurecht.

Die Begeisterung für nationale Projekte gehört zwar zum Patriotismus dazu, der Patriotismus ist allerdings mehr als dies. Er verlangt Zusammengehörigkeitsgefühl und Bewusstsein der eigenen Geschichte und Kultur. Unsere Familie, unser Land gibt uns Halt, gibt uns die Möglichkeit, andere Familien und Länder zu verstehen und uns in sie einzuordnen. Insofern besteht für mich in hüllenlosem Patriotismus eine Gefahr – eine Gefahr, das Verständnis für Befindlichkeiten anderer Nationen zu verlieren, sich auf Plattitüden zu beschränken, die Fähigkeit zur Einordnung in größere Kulturkreise wie der europäischen Union oder zur Integration in andere Kulturen zu verlieren. Auf der Welt sind wir Deutschen gern gesehene Gäste. Vielleicht auch, weil wir uns nach dem 2. Weltkrieg stark in nationaler Demut geübt haben. Damit wir auch weiterhin gern gesehen sind, muss unser Patriotismus ein feinfühliger und gebildeter Patriotismus sein. Mit nationalen Plattitüden und Egoismen werden grade wir uns keine Freunde schaffen und unserer Aufgabe in der europäischen Integration nicht gerecht werden. 

Für die Zukunft braucht gesunder Patriotismus daher vor allem eines - Bildung und Bewusstsein! 

 

Wer sich einen Eindruck von der Vielfalt und der Schönheit unseres Landes verschaffen möchte, kann sich die Folgen von Terra X "Deutschland von Oben" in der ZDF-Mediathek ansehen: link

Geschichtlichen Überblick liefert die Staffel "Die Deutschen", hier der Link zu den Folgen der 1. Staffel: link

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