Die Meinungsmeister
Als Reaktion auf ein Gespräch mit einem Freund von mir setze ich mich zu dieser späten Uhrzeit noch einmal vor den PC und möchte einen Kommentar loswerden.
Mein Freund bemängelte Möchtegern-Intellektuelle, die in unserer Republik durch sämtliche Talkshows touren und großzügig ihre zahlreichen Meinungen zu Allem und Nichts kundtun. Dagegen zeigte er Respekt für einen Kapitän zur See Immo von Schnurbein (Markus Lanz am 01.02.2011), der sich strikt in dieser Sendung dagegen wehrte, sich Worte in den Mund legen zu lassen und seine Meinung eben nicht kundzutun beziehungsweise zu sagen, dass es ihm zu diesem Thema nicht zustehe, sich öffentlich zu äußern.
In der Sendung ging es u.A. um die tragischen Fälle auf der Gorch Fock. Der Umgang der Medien und der Öffentlichkeit mit diesem Thema zeigt allerdings wieder einmal einen weiteren Punkt auf, an dem unsere Gesellschaft krankt.
Zum Einen das Bedürfnis von einigen Personen, zu jedem Thema ihren Senf äußern zu müssen, aber auch an der Erwartungshaltung der Leser, Zuschauer und Medienmacher, von ihrem Gegenüber zu Allem eine Meinung zu verlangen. Dies ist kein einseitiges Spiel, hier nährt die eine Seite die Andere und bestärkt sie noch in ihrem Wirken. Betroffen sind Politiker, Schauspieler, Autoren, vermeintliche Experten und jegliche Personen der Öffentlichkeit. Menschen, die dies nicht erkennen, sind in den Speichen des Systems ziemlich hoffnungslos verloren. Wer allerdings mit diesen Gegebenheiten richtig umzugehen zu weiß, hat ein Instrumentarium, mit dem er durch gekonntes Strippenziehen die Öffentlichkeit auf seine Seite bringt. Dies muss uns kritisch stimmen und sollte dazu führen, dass wir unseren Medienkonsum kritischer betrachten und Nachrichten stärker hinterfragen, dies gescheht jedoch mitnichten! Das Meiste nehmen wir für bare Münze und erhalten so ein oft zu einseitiges und voreingenommenes Bild von der Wirklichkeit, von Vorgängen und Vorfällen sowie anderen Völkern und Staaten. In unseren Zeiten, in denen die Medien die 4. Macht des Staats darstellen und Locke sowie Montesquieu den Gewalten Legislative, Judikative und Exekutive eben noch die Presse als Vierte Gewalt hinzugefügt hätten, können wir es uns nicht erlauben, bei der Ausbildung unserer Kinder einen gekonnten Umgang mit Nachrichten so haaresträubend zu vernachlässigen. Ein weiteres Problem ist meiner Meinung nach allerdings, dass die Medien ihrem Anteil an Macht entsprechend keinen gleichwertigen Anteil an Verantwortung tragen. Die Problematik eines Auseinanderfallen von Macht/Möglichkeit und Verantwortung möchte ich an dieser Stelle nicht weiter erläutern, darauf soll in einem anderen Blogeintrag eingegangen werden.
Nun aber zurück zum ursprünglichen Thema: Hier ein Kapitän zur See, der sich der (Meinungs-)Vereinnahmung durch Markus Lanz bewusst erwehrt. In Fällen, in denen Journalisten, Moderatoren und Kommentatoren Fragen stellen, aber nicht offen für die Meinung der Personen sind, sondern vielmehr ihrem Gegenüber ein bestimmtes Statement abringen möchten, ist es höchste Zeit, die Augen auf zu machen. Wir müssen uns die Frage stellen, wie sehr wir überhaupt noch an ehrlichen Meinungen interessiert sind. Geht es uns um aufrichtige Meinungsäußerung oder um oberflächliche Meinungsmache? Was zählt eine Antwort, eine Position, eine Meinung, wenn wir eine Inflation an Meinungsäußerungen erleben? Der nebenläufige Kommentar, die passende Antwort auf egal welche Frage, nicht ernst gemeinte Äußerungen, einstudierte Floskeln scheinen Zeitungen und Politikgeschehen zu beherrschen. An dieser Stelle müssen wir Stop sagen und dieser Explosion an vermeintlichen Informationen entgegentreten und sie eindämmen. Es ist zwar ein riesengroßes Geschäft, allerdings in vielen Fällen auch milde gesagt bloße Zeitverschwendung. Hier geht es nicht um eine Einschränkung der Meinungsfreiheit, hier geht es um die Freiheit, seine Meinung einmal für sich zu behalten und die Stärke, zuzugeben, sich zu einem bestimmten Thema nicht äußern zu können oder es nicht zu möchten. In genannter Sendung findet sich ein solches Beispiel (http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1247804/Markus-Lanz-vom-1.-Februar-2011#/beitrag/video/1247804/Markus-Lanz-vom-1.-Februar-2011). Wer von uns hat denn wirklich eine leise Ahnung von der Realität auf der Gorch Fock? Wer kann allen Ernstes von sich behaupten, er könnte die Vorfälle objektiv beurteilen? Keiner weiß Bescheid, doch alle reden mit. Und genau in diesen Momenten wird das ganze Mediengeschehen doch zur Posse!
Solange wir allerdings nicht selber befolgen, auch einmal nichts sagen zu können, wird sich nichts ändern. Man kann nicht zu allem Bescheid wissen, auch wenn das viele Dummschwätzer zur Raserei zu bringen scheint. Dieses Problem ist nichts Neues, ein erstes historisches Beispiel findet sich in der Apologie des Sokrates, der feststellte, dass er durch seine Erkenntnis "ich weiß, dass ich nichts weiß" eben weiser war als die meisten Mitmenschen, die der Überzeugung waren, sie seien gebildet. Was seine Mitmenschen daraufhin mit Sokrates angestellt haben, ist allseits bekannt und sollte uns eine Mahnung sein. Wir müssen aufpassen, dass die Politik, dass Nachrichten und die Medien nicht zur Dummschwätzerei verkommen und uns ehrliche und aufrichtige Staatsbürger am Ende noch wie Sokrates an den Pranger stellt. Wir dürfen uns nicht von der Leichtigkeit einer nichtsaussagenden Antwort verleiten lassen, sondern müssen uns die Freiheit nehmen, eine Wissenslücke zuzugeben und offen eingestehen, dass wir uns zu einem bestimmten Thema aus unserer Sicht nicht fundiert genug äußern könnten. Dieses Recht müssen wir allerdings auch jedem Anderen zugestehen. Es geht ja noch nicht einmal um Nicht-Beantwortung, sondern eventuell einfach darum, dass man sich vor einer ernsthaften Meinungsäußerung erst gewissenhafter mit diesem Thema auseinandersetzen möchte! Wir müssen verhindern, dass die Leute in Verantwortung kommen, die am Lautesten schreien und müssen die Menschen achten und diesen den Weg bereiten, die versuchen, sich Aufrichtigkeit, Offenheit und Ehrlichkeit zu bewahren und uns und unsere Sorgen auch ernstnehmen! Menschen in Verantwortung darf es nicht auszeichnen, dass sie zu allem etwas zu sagen haben, sondern dass es ihnen um das Wohl ihrer Mitmenschen geht. Solange wir dies allerdings nicht einsehen und besonders von Politikern erwarten, dass sie zu allem was sagen können und ihnen nicht die Möglichkeit eingestehen, einmal etwas nicht sofort kommentieren zu können, dürfen wir uns über die Abstumpfung des Geschehens nicht wundern. Wer sagt, dass sich daran doch nie etwas ändern wird, dem sei Folgendes entgegnet: Auch hier ist das alte Spiel von Nachfrage und Angebot anzuwenden, die Nachfrage schafft sich eben das Angebot. Beobachten Sie sich selbst, irgendeine Antwort ist leicht gegeben und schnell bereut. Bei der nächstbesten Gelegenheit also kurz innegehen und sich fragen, ob man denn in diesem Fall wirklich etwas zu sagen hat. In unserer Gesellschaft fühlen sich nämlich viele berufen, wenige sind allerdings auserwählt!
Die Sendung lohnt sich vor allem ab der Minute 8.22 bis ca. zur 12. Minute, in denen auch interessante Äußerungen des Kapitäns zur See zur Führungsstärke zu finden sind:
1. Mit Angst führt man nicht.
2. Man führt noch am Besten als Vorbild.
Reflektieren wir knapp und kurz über die "Führung durchs Weltgeschehen" durch Medien und "Meinungsmeister" anhand dieser 2 Forderungen, zeichnet sich meines Erachtens ein eindeutiges Bild, dass uns zum Nachdenken und zur Bereitschaft zum Wandel anhalten sollte!